mark hertsgaard

Independent Journalist & Author

mark


An den Fronten des Klimawandels

Mit seinen graumelierten Locken und seinem nachdenklichen Auftreten
wirkt Chris West wie ein typischer Professor mittleren Alters, wenn
man ihn die Straßen der Oxford Universität entlanggehen
sieht. Doch der ausgebildete Zoologe ist zur Zeit mehr ein Aktivist
als ein Akademiker. Von seinem engen Büro in der Nähe des
Balliol College aus leitet er das UK Climate Impacts Program (UKCIP)
der britischen Regierung, das in Großbritannien sowohl
Einzelpersonen als auch Unternehmen über die Risiken aufklärt,
die der Klimawandel für sie birgt und Ihnen Möglichkeiten
aufzeigt, mit diesen umzugehen.

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Erst kürzlich hatte ein Mitglied der Geschäftsleitung des
Chemiekonzerns Dupont vor ihm damit geprahlt, wie gut seine
Firma jetzt mit der Umwelt umginge, erzählt West. Er hatte
geantwortet, dass das ja auch ganz prima sei und sich dabei gefragt,
ob Dupont denn auch darauf vorbereitet ist, wie die Umwelt
möglicherweise mit Dupont umgehen wird. „Ich fragte
ihn, wie viele der weltweit gut 300 Einrichtungen seiner Firma in
Überschwemmungsgebieten liegen.” Die globale Erwärmung
birgt für jeden, der in diesen Gebieten angesiedelt ist, noch
größere Risiken. „Er wusste es nicht”, erinnert sich
West. „Ich sagte: ,Denken Sie nicht, dass Sie das wissen
sollten?′”

Jahrelang wurde über die globale Erwärmung nur rein
hypothetisch diskutiert — eine Bedrohung in ferner Zukunft.
Mittlerweile gilt sie zunehmend als klare, wahrnehmbare Tatsache.
Diese plötzliche Veränderung bedeutet, dass wir alle
anfangen müssen, uns der vielen Arten bewusst zu werden, auf die
die globale Erwärmung uns, unsere Lieben, unser Eigentum und
unsere wirtschaftlichen Aussichten beeinträchtigen wird. Wir
müssen uns dessen bewusst werden — und uns dann entsprechend
anpassen.

Wenn Klimawissenschaftler den Begriff „Anpassung” verwenden,
beziehen sie sich damit auf sämtliche Maßnahmen, die dazu
dienen sollen, eine Person, eine Gemeinschaft, ein Unternehmen oder
auch ein Land vor den Auswirkungen des Klimawandels zu schützen.
Das Gegenstück zur Anpassung ist die Milderung — jeder
Schritt, der den Ausstoß von Treibhausgasen reduzieren wird,
wie zum Beispiel Stromgewinnung über eine Windturbine statt über
ein Kohlekraftwerk. Milderung geht sozusagen die Ursache des
Erderwärmungsproblems an; indem Emissionen reduziert werden,
soll der Temperaturanstieg verlangsamt werden. Anpassung nähert
sich dem Problem von der anderen Seite — sie bezeichnet den
Versuch, mit den Veränderungen in Umwelt und Wirtschaft zu
leben, die die globale Erwärmung verursacht hat und weiterhin
verursachen wird.

Über Jahre hinweg wurde das Thema Anpassung in politischen
Kreisen ignoriert oder verunglimpft; viele beschwerten sich, dass
allein das Diskutieren darüber ein Verrat sei, der den
Regierungen und anderen eine Ausrede für ihr Nichthandeln
liefere, wenn es um das Thema Milderung geht. Heute ist Anpassung zu
einem akzeptierten Bestandteil der Diskussion geworden. Der letzte
Bericht des Weltklimarats (IPCC), der am 06. April letzten Jahres
veröffentlicht wurde, machte es offiziell. „Anpassung ist
jetzt unvermeidbar”, sagt Mitverfasser Roger Jones von der
Wissenschaftlichen und Industriellen Forschungsinstitution des
Commonwealth (CSIRO) in Australien. „Die Frage ist nur, ob diese
Anpassung geplant wird oder aus dem Chaos entsteht.” Wie auch die
anderen Mitautoren des Weltklimaberichts, die ich interviewt habe,
spricht Jones hier nur für sich selbst.

Der Grund für die Notwendigkeit der Anpassung ist die traurige
Tatsache, dass wir die globale Erwärmung nicht abschalten
können. Jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Das Momentum des
Klimasystems — Kohlendioxid bleibt jahrzehntelang in der
Atmosphäre, während Ozeane Wärme jahrhundertelang
speichern — garantiert, dass, egal wie stark die Menschen die
Treibhausgasausstöße auch reduzieren, unsere bisherigen
Emissionen ausreichen, um die Temperatur auf der Erde noch über
mehrere Jahrzehnte hinweg zu erhöhen. Selbst wenn wir jetzt auf
magische Weise alle Emissionen stoppen könnten, „würden
die Temperaturen weiter steigen und die Auswirkungen würden die
Erde noch 25 Jahre lang beeinflussen”, sagt Sir David King,
Chefberater der britischen Regierung in Wissenschaftsfragen. Während
wir also bestrebt sind, unsere Wirtschaft umweltfreundlicher zu
gestalten, müssen wir uns auch mit neuem Eifer daran machen,
unsere Widerstandsfähigkeit gegen die Auswirkungen des
Klimawandels zu erhöhen, den unsere früheren Emissionen
bereits ins Rollen gebracht haben.

Die Aufklärung der Öffentlichkeit zum Thema globale
Erwärmung in den USA liegt Jahre hinter dem Rest der Welt
zurück und mit der Anpassung ist es nicht anders. „Man kann
sich nicht an eine Sache anpassen, deren Existenz man sich nicht
eingesteht”, bemerkt Richard Klein vom Stockholmer Umweltinstitut,
ein weiterer Mitverfasser des Weltklimaberichts. Erst im letzten Jahr
haben die USA die globale Erwärmung anerkannt, während
andere Länder schon konkrete Maßnahmen ergreifen, um sich
auf ihre Auswirkungen vorzubereiten. Die Niederlande besitzen einige
der stärksten Deiche der Welt und verstärken diese noch.
Großbritannien hat die Ausgaben für den Küsten- und
Hochwasserschutz auf jährlich circa eine Milliarde US-Dollar
verdoppelt. Frankreich, Spanien und Finnland haben weniger ehrgeizige
Anpassungsinitiativen ergriffen. Selbst Bangladesch, eine der ärmsten
Nationen der Welt handelt.

Dennoch ist Anpassung dank Hurrikan Katrina stillschweigend in die
amerikanische Tagesordnung aufgenommen worden. Das Wettersystem der
Erde ist zu komplex, als dass man die Schuld für Katrina mit
Bestimmtheit der globalen Erwärmung zuschreiben könnte.
Doch ungewöhnlich starke Wirbelstürme wie Katrina sind
genau das, was Wissenschaftler — neben stärkeren Hitzewellen,
extremeren Dürren, heftigeren Regenfällen, und steigenden
Meeresspiegeln — erwarten, wenn sich die globale Erwärmung
intensiviert. Wenn es den USA mit dem Wiederaufbau von New Orleans
und seinen Nachbarstädten ernst ist, müssen sie diese gegen
die globale Erwärmung so widerstandsfähig wie möglich
machen. „Wir müssen für New Orleans kämpfen”,
sagte Beverly Wright, die Leiterin des Deep South Center for
Environmental Justice an der Dillard Universität. (In ihrem Haus
stand das Wasser nach Katrina 2,40 m hoch.) „Wenn wir es richtig
angehen, können wir New Orleans zur sichersten Küstenstadt
der Welt machen und es als Modell dafür verwenden, wie der Rest
des Landes sich auf die globale Erwärmung vorbereiten kann.”

Unglücklicherweise ist New Orleans heute noch weit von diesem
Ideal entfernt. Robert Bea, Professor an der Universität von
Kalifornien in Berkeley und ehemaliger Ingenieur der Ölindustrie
ist Mitverfasser eines grundlegenden Berichts für die National
Science Foundation (NSF), in dem analysiert wird, warum die
US-Regierung beim Schutz Louisianas vor und nach dem Sturm so
kläglich versagt hat. Die meisten Probleme, die er in seinem
Bericht aufzeigte, bestehen noch immer, sagt Bea. Er betont außerdem,
dass das nicht allein Louisianas Problem sei. Das US Army Corps of
Engineers (USACE) gab im letzten Jahr bekannt, dass 122 große
Deichsysteme alles andere als sicher seien. Diese Deiche werden durch
die globale Erwärmung mit größeren Belastungen als
bisher konfrontiert werden. Extrem starke Hurrikane werden die Städte
an sämtlichen Golf- und Atlantikküsten bedrohen. In New
York City ist ein großer Hurrikan längst überfällig
— die globale Erwärmung erhöht die Wahrscheinlichkeit,
dass es bald dazu kommen wird.

„Alle Amerikaner sollten sich genau ansehen, was in New Orleans
passiert und was nicht”, so Mark Davis, Umweltrechtsprofessor an
der Tulane Universität. „Wenn wir weder das Geld noch die
Technologie und den politischen Willen aufbringen können, um in
New Orleans erfolgreich zu sein, dann wäre ich mir nicht so
sicher, dass wir das in irgendeinem anderen Teil des Landes besser
hinkriegen werden.” Derweil können die Amerikaner im Ausland
Beispiele dafür finden, wie man sich auf den Klimawandel
vorbereiten kann.

Die Niederlande

Es überrascht nicht, dass die Niederlande, was die Anpassung an
den Klimawandel angeht, zu den besten Nationen der Welt gehören.
Die Holländer meistern ihre tief liegende geografische Lage seit
fast 800 Jahren. Die niederländische Gesetzgebung fordert, dass
der Überschwemmungsschutz von Flüssen einen so genannten
1-in-1250-Schutz bietet — das heißt, dass die
Wahrscheinlichkeit eines Systemversagens im Katastrophenfall und die
darauf folgenden Überschwemmungen auf nur einen Vorfall in 1250
Jahren beschränkt wird. (Im direkten Vergleich bot das System in
New Orleans etwa einen 1-in-100-Schutz.)

Um dieses Schutzniveau angesichts der zu erwartenden größeren
Ströme des Rheins (an denen auch die beschleunigte
Schneeschmelze in den Alpen schuld sein wird) zu halten, denken die
Niederländer in Bezug auf ihren traditionellen
Überschwemmungsschutz radikal um. Statt zu versuchen, die
Überschwemmungen abzuwehren, werden sie extra dafür
vorgesehene Gebiete überschwemmen lassen. Diese Strategie nennt
sich „Mit dem Wasser leben”. In der Nähe von Nimwegen, der
ältesten Stadt der Niederlande, ist ein spärlich bevölkerte
Landstreifen, auf dem sich Farmen und ein Naturschutzgebiet befinden,
als Überschwemmungsgebiet vorgesehen, um die dichter bevölkerten
Gegenden flussabwärts zu schützen. Die Vögel, des
Naturschutzgebiets können wegfliegen bis das Hochwasser
zurückgeht, doch die Farmbesitzer können das natürlich
nicht und haben bereits protestiert. „Die Gesellschaft muss
erkennen, dass es bei der Anpassung Verlierer geben wird und dass
diese entschädigt werden müssen”, so Bas Jonkman, ein
Berater des niederländischen Ministeriums für
Wassermanagement.

Die größte Überschwemmungsgefahr für die
Niederlande droht von der Nordsee, die stärker und
unberechenbarer ist als die holländischen Flüsse. Also hat
die niederländische Gesetzgebung schon immer gefordert, dass die
Hochwasserschutzsysteme der Nordsee einen 1-in-10.000-Schutz bieten.
„Und jetzt will das Parlament den Nordseestandard auf einen
1-in-100.000-Schutz erhöhen”, so Pier Vellinga, einer der
ranghöchsten Berater der niederländischen Regierung und
Professor am Universitäts- und Forschungszentrum in Wageningen.
Laut Vellingas Berechnungen müssten die Niederlande circa 0,2%
ihres Bruttoinlandprodukts (das entspricht in etwa 1,3 Milliarden
US-Dollar) ausgeben, um dieses höhere Schutzniveau halten zu
können. Die Holländer sind sehr zielstrebig, wenn es darum
geht, der globalen Erwärmung hohe Priorität zuzuschreiben.
Die Alternative wäre es, ihre Küstenstädte
möglicherweise allesamt zu verlieren. (Der offizielle Slogan
hierzu ist „We Are Here To Stay”, also „Wir bleiben wo wir
sind”.) „Wir möchten, dass ausländische Besucher und
Investoren weiterhin nach Holland kommen, also müssen wir ihnen
garantieren, dass unser Land ein sicherer Ort bleibt”, so Vellinga.

Großbritannien

Das sichtbarste Beispiel für die britische Anpassung ist die
Themse-Barriere. Sie besteht aus einer Reihe massiger und doch
wunderschöner schwenkbarer Tore, die sich vom Zentrum Londons
circa 18 km flussabwärts über die Themse erstrecken. Als
die Barriere im Jahre 1983 — 30 Jahre nach der schweren
Überschwemmung, die zum Bau führte — in Betrieb genommen
wurde, erwarteten die Planer, dass sie schätzungsweise ein bis
zwei Mal jährlich geschlossen werden würde, um Sturmfluten
davon abzuhalten, London zu überschwemmen. In den letzten zehn
Jahren kam es jedoch durchschnittlich zu zehn Schließungen pro
Jahr. „Die Barriere wurde ursprünglich dazu entwickelt, einen
1-in-2000-Schutz zu bieten, doch der Meeresspiegelanstieg wird dieses
Niveau bis zum Jahre 2030 voraussichtlich auf einen 1-in-1000-Schutz
reduzieren”, sagt West vom UK Climate Impacts Program. Im Gegenzug
ist die britische Regierung darauf vorbereitet, die bestehenden
Flutschutzwehre um 30cm zu erhöhen, — nach Möglichkeit
unter Beibehaltung des originalen Designs — sie weiterhin auszubessern
und sie je nach Notwendigkeit zu erweitern. Die Planer in
Großbritannien nehmen an, dass die Barriere innerhalb der
nächsten hundert Jahre ersetzt werden muss. Sie wissen nur noch
nicht womit.

Bei der Anpassung an die Erderwärmung geht es nicht nur darum,
eine stärkere physikalische Infrastruktur zu schaffen. Circa 200
km nördlich von London ist ein neues, innerstädtisches Dorf
geplant, das Milderung und Anpassung in sich vereinen soll.
„,Bilston Village′ wird nicht nur wenig Kohleenergie
verbrauchen, sondern
auch versuchen, sich selbst gegen zukünftige Klimaveränderungen
zu wappnen”, so West. Hochwasserschutz wird zum Beispiel schon ein
Bestandteil der Ausgangsplanung sein. „Dies könnte ein neues
Modell dafür werden, wie Gemeinden der klimatischen Zukunft
selbstständig entgegentreten können.”

Bangladesch

Als tief liegendes Land, das dem Meer zugewandt ist und dessen Flüsse
92% der Schneeschmelze des riesigen Himalaja-Gebirges aufnehmen, ist
Bangladesch in Bezug auf globale Erwärmung einer der
verletzlichsten Orte der Erde. Der Meeresspiegel im Golf von Bengalen
steigt bereits und schwemmt so Salzwasser ins Landesinnere, wodurch
die Produktivität des Reisanbaus im Süden des Landes stark
abnimmt. Die Bauern passen sich diesen Veränderungen an, indem
sie ihr überflutetes Land nun zur Garnelenzucht nutzen, die
salzigeres Wasser zulässt.

„Wir Bangladescher leben seit jeher mit Überschwemmungen. Es
ist ein Teil unserer Kultur und ein wesentlicher Bestandteil unseres
landwirtschaftlichen Systems”, sagt Saleemul Huq, der das Programm
zum Klimawandel für das International Institute for Environment
and Development leitet. „In der Vergangenheit haben wir etwa alle
zwanzig Jahre eine sehr große Überschwemmung erlebt, doch
in den letzten zwanzig Jahren waren es vier sehr große —
1987, 1988, 1995 und 2005. Es sieht danach aus, als würden wir
jetzt alle fünf bis zehn Jahre eine 1-in-20-Überschwemmung
erwarten können”, so Huq. Dieser Anstieg hat die
Aufmerksamkeit politischer Entscheidungsträger erregt. Nach
Jahren des Lobbyismus durch Huq und seine Kollegen hat das
Ministerium für Wasserressourcen im letzten Jahr eingewilligt,
Klimawandelmodelle künftig in sämtliche Planungen und
Entscheidungen zu integrieren.

Doch durch die Armut des Landes — 78% der Bevölkerung leben
von weniger als 2 US-Dollar am Tag — kann sich Bangladesch einen
Schutz, wie er in Europa oder sogar in New Orleans geplant ist, nicht
leisten. Huq ist der Meinung, dass Anpassungsmaßnahmen in armen
Ländern fairerweise von reichen Nationen subventioniert werden
sollten. „Es sind die armen Länder, die die Hauptlast des
Klimawandels tragen, dabei sind es doch die Treibhausgas-Emissionen
der reichen Nationen, die das Problem überhaupt erst verursacht
haben”, so Huq. Großbritannien subventioniert bereits ein
umfangreiches Programm in Bangladesch, durch das Straßen,
Brunnen und Häuser über den Wasserstand der letzten großen
Überschwemmung angehoben werden sollen. Laut Penny Davis, einer
Diplomatin des britischen Hochkommissariats in Dhaka ist Bangladesch
ein Paradebeispiel für die Auswirkungen des Klimawandels. Sie
vergleicht es mit einem Versuchsgelände dafür, was
Inselstaaten wie auch Großbritannien tun müssen, um sich
in den kommenden Jahren zu schützen.

New Orleans

Mit der gleichen Logik sollten die USA versuchen, New Orleans
klimasicher zu machen. Große Teile der Stadt liegen bereits
unterhalb des Meeresspiegels, was New Orleans′ Erfahrungen für
andere Küstenstädte noch wertvoller macht. Ivor van
Heerden, Leiter des Hurrikan-Zentrums der Universität von
Louisiana drängt schon lange darauf, den Hurrikanschutz als Teil
eines größeren Systems zu sehen. Er ist der Meinung, dass
die Wiederherstellung von Feuchtgebieten an den Küsten genauso
wichtig ist, wie der Bau von Lärmschutzwänden. Während
eines Hurrikans funktionieren diese Feuchtgebiete wie Wellenbrecher,
die Teile der Wucht der einlaufenden Sturmfluten in sich aufnehmen,
so dass diese schwächer sind, wenn sie das Inland erreichen. Die
Feuchtgebiete Louisianas verschwinden durch den unüberlegten Bau
von Dämmen und dem Fortschreiten der Öl- und Gasindustrie
alarmierend schnell.

Van Heerden nennt seinen Drei-Schichten-Plan „Vertiefte Abwehr”.
„Die innere Schicht der Abwehr bilden durch Beton, Stein oder
Metall verstärkte Deiche bzw. Flutwände, die vor den
größten Bevölkerungszentren oder anderen wertvollen
Wirtschaftsgütern errichtet werden. Diese innere Schicht wird
von einer mittleren geschützt, die aus soviel Feuchtgebieten
oder Sumpfflächen wie möglich besteht. Die mittlere Schicht
wird schließlich von einer dritten Schicht geschützt —
Barriere-Inseln draußen im Ozean, die auch dazu dienen,
Sturmfluten zu absorbieren und abzuschwächen.”

Sowohl der US Army Corps of Engineers als auch die Regierung
Louisianas bereiten Pläne zur Flutabwehr und zur
Wiederherstellung von Küstengebieten vor. Doch nach dem
katastrophalen Auftritt der Armee bei Katrina sind viele
Ortsansässige misstrauisch. Louisiana befürchtet, dass der
Corps of Engineers, trotz mehrfacher Zusicherung seiner Abteilung für
zivile Baumaßnahmen, den Schutz durch Feuchtgebiete zugunsten
seiner Vorliebe für große Dämme zu kurz kommen lassen
wird. „Das werden wir ihnen nicht durchgehen lassen”, sagt Robert
Twilley, Chefberater der staatlichen Planer in Wissenschaftsfragen.
„Wenn wir unsere Feuchtgebiete nicht wieder herstellen, werden die
Dämme nicht standhalten. Und unsere Wirtschaft auch nicht.”

In Louisiana, wie auch im Rest der Welt, setzt intelligente Anpassung
weit mehr voraus als gutes Management der Infrastruktur und des
Ökosystems. Die wirtschaftliche Durchführbarkeit ist ebenso
wichtig, aber ohne Versicherungsschutz nicht möglich. In
Louisiana und Florida reagierten die Versicherungsgesellschaften auf
die Häufung von Hurrikanen in den Jahren 2004 und 2005 mit einer
starken Erhöhung der Beiträge und strichen manche Policen
sogar komplett. Wie können hurrikangefährdete Staaten
Versicherungsschutz erhalten? „Die einzige Lösung besteht
darin, die Regierung dazu zu bringen, das zu tun, was sie nach dem
11. September getan hat und zu erkennen, dass manche Risiken zu groß
und zu teuer sind, als dass der private Versicherungsmarkt damit
allein fertigwerden könnte”, sagt James Donelon,
Aufsichtsbeamter des staatlichen Versicherungswesens von Louisiana.
Mit dem Terrorism Re-Insurance Act von 2002, einem Gesetz für
die Versicherung gegen den Terrorismus, stellte die US-Regierung 100
Milliarden US-Dollar als Sicherheit für Gebäude zur
Verfügung, die als mögliche Ziele für terroristische
Anschläge in Frage kommen könnten. Donelon plädiert
für einen ähnlichen Fonds für Städte, die vom
Klimawandel bedroht sind.

Die USA sind noch weit davon entfernt, klimasicher zu sein, doch
genauso geht es fast allen Ländern. Japan besitzt ein
beeindruckendes, lang bewährtes Überschwemmungsschutzsystem.
Ein Teil davon ist das so genannte „G-Cans-Projekt”, ein riesiges
unterirdisches System in Tokio, das 200 Tonnen Wasser pro Sekunde aus
den Flüssen in den Hafen pumpen kann, bevor die Straßen
der Stadt überschwemmt werden. Doch ehemalige Vertreter der
Stadt bekennen, dass Tokios System die Grenzen seiner Kapazität
erreicht hat. Da die globale Erwärmung Japan vermehrt
sintflutartige Regenfälle bringen wird, wird Tokio seine
Abfluss- und Abwassersysteme erweitern müssen.

Neueste Forschungen belegen ganz deutlich, dass wir für den Rest
unseres Lebens mit globaler Erwärmung leben müssen. Das ist
kein schöner Gedanke, doch es besteht noch Hoffnung. Der
Schlüssel liegt darin, nach den neuen Regeln mit der globalen
Erwärmung zu leben. Denken Sie voraus, passen Sie sich
entsprechend an und sorgen Sie dafür, dass die
Treibhausgas-Emissionen rechtzeitig reduziert werden. Anpassung wird
nicht billig. Doch wir werden keine Wahl haben.


Übersetzung von Stefanie Ruhland
28.03.2008

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About Mark

Independent journalist Mark Hertsgaard is the author of seven books that have been translated into sixteen languages, including Bravehearts: Whistle Blowing in the Age of Snowden; HOT: Living Through the Next Fifty Years on Earth; and A Day in the Life: The Music and Artistry of the Beatles. He has reported from twenty-five countries about politics, culture and the environment for leading outlets, including The Guardian, Der Spiegel, Vanity Fair, The New Yorker, Time, Mother Jones, NPR, the BBC and The Nation, where is the environment correspondent. He lives in San Francisco.

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