mark hertsgaard

Independent Journalist & Author

mark


Dieser Mann verändert das Klima

Am Anfang von Al Gores Film über den Klimawandel versucht der für
seine Steifheit bekannte ehemalige Vizepräsident der USA, einen Witz
zu erzählen. In einem plüschigen Theater erwartet das Publikum seine
Powerpoint-Präsentation über den Treibhauseffekt. Gore stellt sich in
die Mitte der Bühne, wartet, bis der Applaus abebbt, und sagt dann:
«Ich heiße Al Gore, und ich war einmal der nächste Präsident der USA.»

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Gore verzieht keine Miene dabei, nicht einmal seine Augen deuten ein
Lächeln an. Im Publikum hört man nur ein paar vereinzelte Lacher (der
Schnitt des Films, der von Gore-Freunden in Hollywood produziert
wurde, ist sehr vorteilhaft für ihn). Die Szene verdeutlicht einen
Wesenszug von Al Gore, der ihn seit dem Beginn seiner Karriere plagt.
In der Rolle des öffentlichen Politikers hat er sich nie wohlgefühlt.
Viel lieber diskutiert er hinter den Kulissen oder schreibt Bücher wie
seinen Bestseller Wege zum Gleichgewicht.

Wenn man Gore heute begegnet, scheint er sich mit den Jahren kaum
verändert zu haben. Beim Mittagessen im Ritz-Carlton-Hotel in San
Francisco — Cheeseburger und Eistee — wirkt er nur ein wenig stämmiger
als zu seiner Zeit im Weißen Haus. Inzwischen ist allerdings die
Vorstellung, Gore könnte doch einmal der nächste Präsident der USA
sein, gar kein Witz mehr.

Einige einflussreiche Strippenzieher und auch Gore-Vertraute lancieren
die Idee, er könnte 2008 noch einmal antreten, zumal die als
Kandidatin gehandelte Hillary Clinton es sich mit vielen verscherzt
hat. Gore will allerdings nicht über seine Kandidatur spekulieren,
nach einem Schluck Eistee lässt er die Frage an sich abperlen: «Ich
bin nicht mehr in der Politik, und ich habe keine Absichten,
zurückzukehren.»

Dabei ist es schon bemerkenswert, dass Gores mögliches Comeback
überhaupt diskutiert wird. Vor knapp sechs Jahren, nach seiner
demütigenden Niederlage gegen George W. Bush — eine Niederlage, die
viele eher als Unterwerfung ansahen, weil Gore sich nicht vor dem
Obersten Gerichtshof gegen die krude Taktiererei der Bush-Mannschaft
wehrte —, sah es so aus, als sei Gores Karriere vorbei.

Er ging zurück in seine Heimat Tennessee, saß in ein paar
Aufsichtsräten und lehrte an Universitäten. Im Jahr 2003 trat er
erstmals wieder öffentlich auf und hielt Reden für die
Bürgerrechtsgruppe MoveOn, in denen er Bushs Politik in Sachen Terror,
Bürgerrechte und Umwelt attackierte. Im Jahr 2004 unterstützte er die
Präsidentschaftskandidatur von Howard Dean — und bekam einen weiteren
Dämpfer, als der aufgeben musste.

Der unerwartete Erfolg seines Dokumentarfilms Eine unbequeme Wahrheit,
der am 12. Oktober in Deutschland startet, hat Gore wieder ins
Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht. Der Exvizepräsident ist
populärer denn je. Seit der Premiere beim Sundance Film Festival im
Februar hat der Film begeisterte Kritiken bekommen und in den USA
knapp drei Millionen Zuschauer ins Kino gelockt. Die Presse, die Gore
früher stets als langweilig, eingebildet und ökofanatisch dargestellt
hat, ist kollektiv umgeschwenkt und überbietet sich mit
schmeichelhaften Berichten, darunter Titelstorys in praktisch allen
Zeitungen und Magazinen. Gore tritt im Musiksender MTV auf und bekommt
Ovationen von Wal-Mart-Mitarbeitern. Noch nie war er so angesagt.

Doch wenn er wirklich noch einmal ins Präsidenten-Rennen einsteigen
will, muss Gore einige unbequeme Fragen beantworten. Nicht nur Fragen
des politischen Gegners. Seine eigenen Anhänger hat er in der
Vergangenheit am meisten verärgert. Warum kämpfte er nicht weiter, als
die Republikaner ihm 2000 seinen Wahlsieg nahmen? Warum war sein
Wahlkampf gegen Bush so lauwarm und unentschieden? Warum hat er damals
die Wähler nicht so angesprochen, wie er es heute tut: intelligent,
aber auch leidenschaftlich, mutig und authentisch? Warum hat er im
Wahlkampf den Klimawandel so wenig thematisiert, die Katastrophe, vor
der er seit seiner ersten Wahl in den Kongress 1980 warnt?

Schließlich, und das haben sich Beobachter in Deutschland und anderen
Ländern schon lange gefragt: Wieso hat Gore in seinen acht Jahren als
Vizepräsident so wenig gegen den Treibhauseffekt getan, als er doch
offenbar die Macht dazu hatte?

«Das ist eine Legende», antwortet er auf die Frage, warum er in seinem
Präsidentschaftswahlkampf den Treibhauseffekt nicht zum Thema gemacht
habe. «Es hat keine einzige größere Wahlrede gegeben, in der ich den
Klimawandel nicht erwähnt habe.» Außerdem habe er ein
100-Milliarden-Dollar-Programm zur Bekämpfung des Problems
angeschoben, aber die amerikanischen Medien hätten sich dafür nicht
interessiert.

Und zu seinen Jahren als Vizepräsident sagt er: «Von 1992, als ich in
Clintons Team eingetreten bin, bis zu dem Tag, an dem ich das Weiße
Haus verlassen habe, gab es keinen einzigen Moment, in dem ich nicht
100 Prozent meiner moralischen, geistigen und physischen Energie
darauf verwandt hätte, in dieser Frage einen möglichst großen Wandel
herbeizuführen. Bei jedem meiner wöchentlichen Mittagessen mit
Präsident Clinton stand die globale Erwärmung ganz vorn auf der Liste
der angesprochenen Probleme. Und Clinton war durchaus offen dafür.
Aber ich war Vizepräsident, nicht Präsident.»

Ein Teil des Problems, das gibt Gore freimütig zu, ist die Tatsache,
dass er nicht gerade der fähigste Politiker der Welt ist. Warum wirkt
ein so intelligenter und wohlmeinender Mensch in der Öffentlichkeit
dermaßen steif? Vielleicht geht das Problem auf seinen Vater Albert
Arnold Gore Senior zurück, auch ein US-Senator, der von Albert Arnold
«Al» Gore Junior seit dessen Kindheit erwartet hatte, dass er einmal
Präsident würde. Das kann schon zu Verklemmungen im Umgang mit anderen
führen.

Der Hauptgrund dafür, dass Clinton und er im Kampf gegen die
Klimaerwärmung so wenig Fortschritte gemacht hätten, sei der heftige
Widerstand gewesen, sagt Gore. Seine schärfsten Widersacher waren die
Energiekonzerne und die Republikaner, aber auch die Medien und
vermeintliche Parteifreunde sabotierten ihn. «Einige wichtige
Empfehlungen kriegte man bei der Bürokratie einfach nicht durch»,
erinnert er sich und fügt hinzu: «Einige meiner Verbündeten haben sich
aufgerieben im Kampf mit dem Finanzministerium.» Dort habe man die
Angst vor den ökonomischen Folgen einer klimafreundlichen Politik
geschürt.

«Das fand alles in einem Klima der Verleugnung im ganzen Land statt»,
sagt Gore. Seit den frühen 90er Jahren hat eine kleine, aber
einflussreiche Gruppe aus Wissenschaftlern, Lobbyisten und
PR-Experten, zumeist bezahlt von Energiekonzernen wie ExxonMobil,
vehement die Existenz des Klimawandels bestritten. Ihr Ziel,
dokumentiert in einer Notiz von 1991: den «Klimawandel als Theorie und
nicht als Tatsache» darzustellen. Die Medien ließen sich manipulieren,
die amerikanische Öffentlichkeit war verwirrt, der Senat stimmte 1997
mit 95 : 0 gegen das Kyoto-Protokoll.

Gore hat einmal gesagt, Leute, die den Klimawandel anzweifelten, seien
mit Tabakmanagern vergleichbar, die die Gefahren des Rauchens
abstritten. Die Wahrheit ist noch grotesker: Zumindest in einem Fall
sind die Abwiegler identisch. So gehörte Frederick Seitz zu den
angesehensten Wissenschaftlern auf der Leugner-Seite. Als ehemaliger
Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften genoss er hohe
Glaubwürdigkeit. Aber bevor er in den 90er Jahren die Position der
Energiewirtschaft öffentlich unterstützte, war er ein hochbezahlter
Berater der Tabakfirma Reynolds. Er verteilte 45 Millionen Dollar der
Firma für medizinische Forschungen — die dem Rauchen von Zigaretten
natürlich keine schädlichen Folgen anhängen konnten. Dafür bekam Seitz
ein Honorar von 585.000 Dollar.

Aufgrund der 15 Jahre währenden Desinformationskampagne hinkt die
amerikanische Öffentlichkeit in ihrem Verständnis des Klimawandels ein
Jahrzehnt hinter Deutschland und dem größten Teil Europas hinterher.
Das erklärt auch zwei Aspekte in Gores Film, die dem Publikum in
Deutschland vielleicht seltsam vorkommen werden. Erstens: Die meisten
wissenschaftlichen Fakten, die er in dem Film beschreibt — von der
Erwärmung des Planeten über die schmelzenden Gletscher bis zu den
zunehmenden Wetterextremen—, kennt hierzulande jeder, der auch nur
sporadisch die Nachrichten zur Kenntnis nimmt. Zweitens: Gore spricht
praktisch überhaupt nicht von Lösungen. «Ich konzentriere mich darauf,
die Mauer des Leugnens zu durchbrechen», entschuldigt er sich dafür,
dass er nie sagt, was nun zu tun sei, abgesehen von einem allgemeinen
Appell am Ende des Films.

«Das ist brillant, aber danach will man sich aufhängen», sagt Rocky
Anderson, Bürgermeister von Salt Lake City, über Gores Vortrag. Er hat
eine eigene Diashow entwickelt, die erklärt, wie seine Stadt ihre
CO2-Emissionen durch höhere Energie-Effizienz und andere Maßnahmen
drastisch reduziert und dabei sogar noch Geld verdient hat. «Die Leute
reagieren sehr positiv, wenn man sagt: Ja, es gibt eine
Herausforderung, aber wir haben diesen Pioniergeist in Amerika, und
wir können etwas tun.»

Ende September begann dann auch Gore, endlich über Lösungen und nicht
nur über das Problem zu reden. In einem viel beachteten Vortrag an der
New York University sprach er sich dafür aus, die CO2-Emissionen der
USA umgehend auf dem heutigen Niveau zu stabilisieren und dann
schrittweise zu reduzieren. Außerdem plädierte er für eine CO2-Steuer,
die allerdings so gestaltet sein solle, dass die Mehrbelastung über
niedrigere Einkommensteuern an die Bürger zurückgegeben wird.

Gores Dilemma: Erst in den vergangenen sechs Jahren, nach seiner
Niederlage und dem Rückzug aus der Politik, scheint er seine Rolle als
öffentliche Figur gefunden zu haben. Diese neue Stimme — ungeschützt,
unprätentiös und eindringlich —, die in Eine unbequeme Wahrheit zu
hören ist, hat zu seiner neuen Popularität geführt. Wird er die neue
Identität aufrechterhalten können, wenn er kandidiert? Oder werden
seine alten Instinkte wieder ansprechen und ihn noch einmal zu dem
vorsichtigen, glatten und berechnenden Politiker machen, der 2000
nicht einmal seine eigenen Anhänger inspirieren konnte?

«Es gibt viel Gift im politischen System, und ich kann damit nicht gut
umgehen», sagte Al Gore vor kurzem, als er wieder einmal die Frage
nach seiner Kandidatur abwehrte. Beides stimmt. Aber er hat in
vertraulichem Kreis auch gesagt, dass er die Kandidatur nicht
ausschließt. Er wird sich bald entscheiden müssen, ob er kandidiert
und welcher Al Gore er dann sein will.

Übersetzung: Christoph Drösser

ZEIT Wissen 06/2006

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About Mark

Independent journalist Mark Hertsgaard is the author of seven books that have been translated into sixteen languages, including Bravehearts: Whistle Blowing in the Age of Snowden; HOT: Living Through the Next Fifty Years on Earth; and A Day in the Life: The Music and Artistry of the Beatles. He has reported from twenty-five countries about politics, culture and the environment for leading outlets, including The Guardian, Der Spiegel, Vanity Fair, The New Yorker, Time, Mother Jones, NPR, the BBC and The Nation, where is the environment correspondent. He lives in San Francisco.

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