mark hertsgaard

Independent Journalist & Author

mark


GröÃxer, weiter, grüner


Seit dem Hurrikan Katrina beginnt sich in Amerika das Bewusstsein für
ökologische Gefahren durchzusetzen — nur nicht bei Präsident George W.
Bush.

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Jerome Ringo brauchte Katrina nicht.Den meisten anderen Amerikanern
machte erst der große Hurrikan die Rassen- und Klassenschranken
deutlich, die sie so bereitwillig verdrängt hatten. Ringo aber hatte
schon lange seine Freizeit in den Schwarzenvierteln von Louisiana
verbracht. Er hatte die Armen über die Umweltprobleme in ihrer Region
aufgeklärt.

Zuvor hatte der kräftig gebaute Sohn eines Postangestellten 20 Jahre
lang dazu beigetragen, Rohöl in Plastik, Sprit und andere
Schlüsselgüter der Moderne zu verwandeln, zuletzt als
Betriebsbereichsleiter in der chemischen Industrie. Gemeinsam mit der
Gewerkschaft hatte er für die rigorose Einhaltung aller
Sicherheitsvorkehrungen gekämpft, die aber schützten nicht vor den
Umweltgiften, die Tag und Nacht von den Fabriken zu den Hütten der
Leute hinüberwehten.

«Besonders schlimm war es in der Cancer Alley», erzählt Ringo.

«Krebs-Allee», so nennen die Einheimischen eine etwa sechzig Kilometer
lange Senke, die sich von New Orleans bis Baton Rouge erstreckt, der
Hauptstadt Louisianas. Dicht an dicht stehen dort die Ölraffinerien
und Chemiefabriken. Und die Zahl der Krebserkrankungen liegt weit über
dem nationalen Durchschnitt. Die Opfer seien fast immer arm und
Nachkommen früherer Sklaven, sagt Jerome Ringo. «Und schwarze Familien
haben auch anderswo in den USA meist die gleiche Postleitzahl wie eine
Kläranlage, eine Mülldeponie oder eine Chemiefabrik.» Jetzt hat sich
der Mann aus dem Süden ein weiteres Thema vorgeknöpft: den
Klimawandel. Dass er damit neuerdings im Licht der Öffentlichkeit
steht, ist nur ein Indiz dafür, dass sich auch in den Vereinigten
Staaten ein Bewusstsein für die drohenden ökologischen Gefahren
durchzusetzen beginnt.

Jerome Ringo ist eine der schillerndsten Figuren der amerikanischen
Ökologieszene. 1994 gab er seinen Job in der chemischen Industrie auf
und gründete ein Büro, das Bürgerinitiativen bei Justizverfahren gegen
Umweltverschmutzer berät. 2005 wurde er Präsident der National
Wildlife Federation (NWF), der mit 4,5 Millionen Mitgliedern größten
Umweltorganisation der USA.

Dieses Wahlergebnis war schon erstaunlich genug für einen ehemaligen
Gewerkschafter, denn die NWF gehört traditionell eher zum
unpolitischen Teil der Umweltbewegung: Sie druckt lieber hübsche
Naturkunde-Heftchen für Kinder, als — wie etwa Greenpeace —
Großunternehmen wegen ihrer Umweltsünden anzuprangern.

Eine Sensation aber war es, dass ein Schwarzer eine derart
einflussreiche Position in der Ökobewegung übernommen hat. «Zum ersten
Mal in der Geschichte Amerikas», sagt Ringo stolz. Denn nach wie vor
sei die Umweltbewegung beherrscht von Leuten, «die angeln gehen, nicht
weil sie den Fisch auf den Tisch bringen, sondern weil sie ihn als
Trophäe an die Wand nageln wollen». Und diese beiden
grundverschiedenen sozialen Gruppen will der Umweltschützer jetzt zu
einer wirkungsvollen grünen Kraft zusammenführen.

Sein wichtigstes Instrument dafür ist die Apollo Alliance, eine
Koalition aus Gewerkschaften, Umweltgruppen, Unternehmensführern und
Kommunalpolitikern. Sie ist nach dem Apollo-Projekt benannt, das John
F. Kennedy einst mit der Vision ins Leben rief, innerhalb von zehn
Jahren den ersten Menschen auf den Mond zu schicken. Und die Apollo
Alliance wirbt seit fünf Jahren für ein 300 Milliarden Dollar schweres
Investitionsprogramm zum Umbau des Energiesystems. Mit dem Geld sollen
Aufklärungs- und Beratungsprogramme für erneuerbare Energien
finanziert werden, Fabriken für umweltfreundliche Autos, Technologien,
die effizienter mit Energie umgehen. Wenn diese Rakete zünde, meint
Jerome Ringo, dann könnten langfristig drei Millionen Jobs entstehen.
Zudem werde der Klimawandel bekämpft und die «Öl-Abhängigen», wie
selbst der konservative Präsident die Amerikaner genannt hat, würden
nicht mehr so viele fossile Brennstoffe brauchen.

Zwar hat George W. Bush das Kyoto-Protokoll noch immer nicht
unterzeichnet, und wenn es um die globale Erwärmung geht, dann bleiben
Bush und seine Unterstützer vom rechten Flügel gleichgültig wie eh und
je. Der republikanische Senator James Inhofe bezeichnet alle Meldungen
über die drohende Klimakatastrophe als Schwindel, und trotz des
rekordverdächtig teuren Sprits steuern Millionen von Amerikanern
weiterhin ihre dicken Geländefahrzeuge durch die Gegend.

Doch mehr und mehr Konsumenten entscheiden sich heute für effiziente
Hybridfahrzeuge wie den Toyota Prius. Solche Autos gelten plötzlich
als schick. Und nach Jahren der Selbsttäuschung und der endlosen
Debatten darüber, ob es überhaupt ein Problem gebe, hat der Hurrikan
von New Orleans die Amerikaner aufgerüttelt. Jetzt gibt es einen
breiten Konsens darüber, dass der Klimawandel längst Realität ist.
Typisch amerikanisch: Die Kraft der Überzeugung wächst mit der
Hoffnung, dass bei alldem auch wirtschaftlich etwas herausspringt.

Der Chemieriese Dupont etwa ist eines von vielen Unternehmen, das mit
seiner grünen Politik reichlich Geld verdient hat. Durch effizienteren
Umgang mit Energie hat die Firma ihre Treibhausgas-Emissionen seit
Anfang der neunziger Jahre um 67 Prozent reduziert: zwei Milliarden
Dollar Gewinn.

Auch Städte und die Regierungen einiger Bundesstaaten verdienen an
ihrer Sparsamkeit — allen voran in Kalifornien. Dort hat Gouverneur
Arnold Schwarzenegger ein ehrgeiziges Umweltprogramm initiiert und
damit die meisten Wähler genauso überrascht wie die Umweltschützer.
Die hatten dem ehemaligen Action-Darsteller schon wegen seines
benzinfressenden Autos misstraut: eines Hummers, des sinnlosesten
Autos der Welt!

Doch Schwarzenegger konnte gar nicht anders: Zum einen gilt
Kalifornien traditionell als umweltbewusst. Kein Politiker kommt
besonders weit, wenn er nicht ökologisch angehaucht ist. Zum anderen
treibt den Star-Gouverneur wohl auch die Erkenntnis, dass grüne
Politik sich rechnet.

«Mit unserer Initiative für grüne Gebäude kann der Staat den
Energieverbrauch bis zum Jahr 2015 um 20 Prozent reduzieren», schwärmt
Schwarzeneggers Umweltberater Terry Tamminen. «Effiziente
Beleuchtungssysteme etwa holen die Investition schon in 18 Monaten
wieder herein, danach sind die Einsparungen reiner Gewinn.» Ein
Millionen-Dächer-Programm für Solarenergie, das Fotovoltaikanlagen
über elf Jahre mit 3,2 Milliarden Dollar fördert, werde das Vierfache
des investierten Wertes an Arbeitseinkommen schaffen, ergänzt der
54-jährige Ökofachmann. «Und diese Jobs entstehen nicht in China,
sondern hier bei uns. Außerdem forschen wir intensiv an den nächsten
Generationen der Solartechnologie».

Tamminen hat eine Menge Einfluss in Kalifornien, aber sein Aufstieg
war ziemlich unorthodox. Als Jobhopper züchtete er vor seiner
politischen Karriere Schafe, machte Swimmingpools sauber, verkaufte
Immobilien und trat in Shakespeare-Stücken auf, «überall dabei,
nirgends ein Meister», wie er fröhlich zugibt.

2003, als Arnold Schwarzenegger seine Kandidatur anmeldete, war
Tamminen gerade hauptberuflich in einer Umweltgruppe in Los Angeles
aktiv. Die beiden kannten sich über gemeinsame Freunde in Hollywood.
Außerdem hatte Tamminens Ehefrau, eine Rechtsanwältin, für den
Filmschauspieler Verträge ausgehandelt.

Nach einem Gespräch mit allen Gouverneursanwärtern, bei dem Tamminen
die Forderungen der Umweltschützer vorgetragen hatte, lud
Schwarzenegger ihn zum Essen ein. Diesmal (fast) unter vier Augen.
«Seine vier Kinder», erinnert sich Tamminen, «sprangen die ganze Zeit
in seinem Büro herum und klauten uns die Pizza vom Teller. Dabei
redeten wir über die Probleme: Luftverschmutzung, Klimawandel,
Waldschäden. Zwei Tage später standen die Grundzüge seines
Umweltprogramms fest.» Vergangenes Jahr riskierte Schwarzenegger sogar
einen klaren Bruch mit George W. Bushs Klimapolitik. «Die Debatte ist
abgeschlossen», erklärte der Gouverneur. «Wir kennen die
wissenschaftlichen Fakten, wir sehen die Gefahr, jetzt ist es Zeit, zu
handeln.» Und er unterschrieb eine Verordnung, mit der sich
Kalifornien dazu verpflichtet, die Treibhausgas-Emissionen bis zum
Jahr 2020 um 25 Prozent zu verringern und bis 2050 sogar um 80 Prozent
— eines der ehrgeizigsten Reduktionsziele der Welt.

Autohersteller sollen ihre Treibhausgas-Emissionen schon ab 2009 um 20
Prozent reduzieren. Dieses Gesetz hatte vor allem die demokratische
Abgeordnete Fran Pavley vorangetrieben, und es wurde noch vor
Schwarzeneggers Amtszeit beschlossen. Aber als General Motors, Ford
und auch deutsche Firmen gegen die Bestimmungen vor Gericht gingen und
dabei von der Regierung Bush unterstützt wurden, sah sich der neue
kalifornische Gouverneur herausgefordert.

Es geht auch um Verfassungspolitik: Die Bush-Regierung meint, eine
derartige Gesetzgebung sei Bundessache. Kalifornien aber, der
fünftgrößte Wirtschaftsraum der Welt, könnte mit einem solchen Gesetz
bestimmen, was im Rest der USA produziert wird. Das ist vielen ein
Dorn im Auge. Für Terry Tamminen ist das Gesetz nicht weniger als der
Schlüssel zum Erfolg von Schwarzeneggers Klima-Aktionsplan: «Vierzig
Prozent der Emissionsreduktionen hängen von seiner Umsetzung ab»,
erklärt er. «Deshalb müssen wir siegen.»

Und auch international will Kalifornien ein Vorreiter in der
Umweltpolitik sein: Ende Juli unterzeichneten Schwarzenegger und der
britische Premierminister Tony Blair ein Abkommen über den Austausch
von Technologie und Forschungsergebnissen im Kampf gegen den
Klimawandel. Der Bundesstaat New York hat angekündigt, er werde
nachziehen. Elf amerikanische Bundesstaaten — nach China und den USA
als Ganzem bilden sie die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt –
wollen darüber hinaus mit Emissionen handeln. 21 Bundesstaaten haben
Gesetze zur Förderung sauberer Energiesysteme verabschiedet, in der
Hoffnung, dass dadurch Energiespartechnologien sowie Windkraft- und
Fotovoltaikanlagen für jedermann erschwinglich werden.

Mehr als 200 amerikanische Bürgermeister haben sich inzwischen
verpflichtet, auf kommunaler Ebene die Anforderungen des
Kyoto-Protokolls zu erfüllen oder gar zu übertreffen. Auch diesen
Stadtoberhäuptern — von Chicago bis Salt Lake City, von San Francisco
bis Portland — geht es nicht nur um die drohende Klimakatastrophe. Sie
wollen mit dem ökologischen Umbau Arbeitsplätze schaffen und ihre
Städte lebenswerter machen.

An dieser Stelle kommt wieder Jerome Ringo ins Spiel. Denn die über
200 Städte sind auch mögliche Partner, um sein Apollo-Programm
voranzubringen. Vor einer Konferenz des «New Cities Project» in Las
Vegas bekam Ringo im Juni Standing Ovations. Ende September soll er
bei einem Klimaforum des WWF in Berlin sprechen.

Nichts aber zeigt deutlicher, dass sich das Umweltbewusstsein der
Amerikaner gewandelt hat, als die Tatsache, dass Al Gore wieder da
ist. Nach der Präsidentschaftswahl 2000 wurde der ehemalige
Vizepräsident von der Bühne gebuht, urplötzlich aber gilt er als
interessantester Politiker überhaupt. Seit sein Dokumentarfilm Eine
unangenehme Wahrheit
in die Kinos kam, war Gore auf so gut wie allen
Titelseiten und in allen wichtigen Radio- und Fernsehshows. Einige
Medien glauben sogar, dass er im Jahr 2008 wieder
Präsidentschaftskandidat werden könnte. In dem Film geht es um die
dramatischen Auswirkungen des Klimawandels.

Gore selbst weicht aus: «Ich bin nicht mehr in der Politik und habe
auch keine Absicht, zurückzukehren», sagt er. Die Medien sehen das
anders. Die gleichen Kommentatoren, die Gore früher als matt, anmaßend
und wenig vertrauenswürdig abtaten, schildern ihn jetzt als
leidenschaftlich, hervorragend informiert und sympathisch. «Warum hat
er nicht so geredet, als er Kandidat war?», fragen die Kommentatoren.

Wenn man Gore begegnet, scheint er sich allerdings kaum verändert zu
haben. Beim Mittagessen im Restaurant des Ritz-Carlton-Hotels in San
Francisco wirkt er höchstens ein wenig stämmiger als zu seiner Zeit im
Weißen Haus. Aber als er erklärt, dass der Klimawandel «eine
moralische Frage» sei, die «das Überleben unserer Zivilisation infrage
stellt», klingt er wie der verkopfte, engagierte Senator, der 1992 das
Buch Earth in Balance schrieb. Auch sein ausdrucksloses Gesicht, seine
Bemühungen, mal einen Witz zu machen, wecken Erinnungen an den steifen
Präsidentschaftskandidaten, der 2000 so viele Wähler befremdete.

Niemand hat mehr getan als Al Gore, um den Amerikanern das Problem des
Klimawandels nahe zu bringen, aber er ist kein raffinierter Politiker.
Die Rolle des Naturkunde-Oberlehrers steht ihm besser. Nicht Al Gore
hat sich also verändert, aber mit den Medien ist etwas passiert. Sie
hören ihm endlich zu. Auch sie hat Katrina verändert. Als New Orleans
versank, ließen sie sich nicht mehr von Wissenschaftlern besänftigen,
die, gesponsert von der Ölindustrie, die Verantwortung des Menschen
für den Klimawandel verharmlosten.

Seit Anfang dieses Jahres ist die globale Erwärmung ein Thema in den
amerikanischen Medien. Vom Informationsmagazin 60 Minutes bis zur
größten Tageszeitung USA today und zum Nachrichtenmagazin
Time,
überall erscheinen Beiträge zum Thema. Die Illustrierte Vanity Fair
brachte eine Schwerpunktausgabe, und selbst Fox News zog mit, der
politisch rechts stehende Nachrichtenkanal, der George W. Bush
verteidigte.

Vielleicht ist es noch zu früh, von einem zweiten Ergrünen Amerikas zu
sprechen, in Anspielung auf die glorreichen siebziger Jahre, als die
Umweltbewegung selbst Präsident Nixon dazu zwang, sich um sauberes
Wasser und saubere Luft zu kümmern. Aber Jerome Ringo, Terry Tamminen
und Al Gore verkörpern einen Aufschwung des ökologischen Denkens, der
die Vereinigten Staaten erfasst hat, jenseits der üblichen Grenzen
zwischen Demokraten und Republikanern, Arm und Reich, Schwarz und
Weiß.
Mehr und mehr ist George W. Bush mit seiner Klimapolitik isoliert. Und
in zwei Jahren, nach den Wahlen 2008, wird er ohnehin nicht mehr im
Amt sein.


*Mark Hertsgaard, Jahrgang 1955, gilt als einer der renommiertesten
Ökologie-Journalisten der Vereinigten Staaten. Er lebt in San
Francisco, schreibt für «New York Times», «Newsweek», «The New Yorker»
und «The Nation». Im Carl Hanser Verlag ist 2003 sein Buch «Im
Schatten des Sternenbanners, Amerika und der Rest der Welt»
erschienen. Seinen Bericht hat Christiane Grefe aus dem Englischen
übersetzt.

DIE ZEIT, 10.08.2006 Nr. 33

33/2006

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About Mark

Independent journalist Mark Hertsgaard is the author of seven books that have been translated into sixteen languages, including Bravehearts: Whistle Blowing in the Age of Snowden; HOT: Living Through the Next Fifty Years on Earth; and A Day in the Life: The Music and Artistry of the Beatles. He has reported from twenty-five countries about politics, culture and the environment for leading outlets, including The Guardian, Der Spiegel, Vanity Fair, The New Yorker, Time, Mother Jones, NPR, the BBC and The Nation, where is the environment correspondent. He lives in San Francisco.

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